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Buddhismus, Überblick
Zielsetzung dieser Darstellung
Im Web werden häufig die verschiedensten Lehrmeinungen innerhalb
der Weltreligion Buddhismus vermengt. Zuweilen wird, möglicherweise
auch aus Platzgründen, d e r Buddhismus als
homogenes Gebilde behandelt, was ebenso unrichtig wäre wie eine Betrachtung
aller christlichen Gemeinschaften und Sekten als einer ideellen Einheit.
Außerdem werden wegen seiner Nähe zu anderen asiatischen Religionen
dem Buddhismus häufig z.B. hinduistische Inhalte angedichtet. Dem
wird hier bewußt entgegengewirkt.
Der Autor hält den Buddhismus für eine der wenigen interessanten
Glaubensauffassungen, nicht zuletzt weil es ihm gelungen ist, vergleichsweise
friedfertig die vergangenen Jahrtausende zu überstehen. Dennoch scheint
es nötig, der europäischen Meinung von der sanften Religion
auch kritische Punkte gegenüberzustellen. Die Darstellung verfolgt
auch das Ziel, von den philosophischen Gedanken Buddhas ausgehend, die
daraus im Laufe der Zeit entstandenen Lehren, Schulen und Ideologien kritisch
zu würdigen.
Wie in allen Weltreligionen divergieren Gründerlehre
und praktische Religionsausübung auch im Buddhismus. In Ostasien
geführte Gespräche und selbst gemachte Beobachtungen sind einbezogen.
Ausführungen dieser Art sind von verstandesmäßig
erklärender Natur und können nicht die Gefühle und Empfindungen
wiedergeben, die eine Religion in ihren Anhängern zu wecken versteht.
Persönliches Einfühlen ist, wie bei jeder Religion, unverzichtbar
für ein Verständnis des Buddhismus und seiner Riten. Deswegen
werden neben der Information über Geschichte, Heilslehre und Leben
des Gründers auch Auszüge aus den heiligen Schriften angefügt.
Auch dann können noch nicht die sozialen Aspekte der Religion (z.B.
gemeinsame Ausübung von Riten, Empfangen eines Segens oder gar meditative
Übungen) gefühlt werden.
Für jeden Abschnitt zum Thema Buddhismus
wird es eine Kurzfassung geben, die unter "Kurzdarstellung"
zu finden ist und die sich als ersten Einstieg eignet. Werden vertiefende
Kenntnisse gewünscht, kann man sich weiter einlesen. Die jeweiligen
Links sind in der Kurzdarstellung aufgeführt.
Verbreitung
Weltweit gibt es ca. 350 Mio Buddhisten, davon etwa 99 % in Asien. Nach
dem Christentum, dem Islam und dem Hinduismus ist der Buddhismus die viertgrößte
Religion der Welt. In Deutschland ist die Zahl der Anhänger und Sympathisanten
des Buddhismus schwer festzustellen. Sie wird zwischen 50.000 und 500.000
Menschen geschätzt, darunter viele, die nur hin und wieder meditieren
und nicht in einer der über 400 deutschen buddhistischen Gemeinden
aktiv sind. Die Zahl der Anhänger ist in den Ballungsräumen
(Berlin, Hamburg, München, Stuttgart und Köln) naturgemäß
größer als auf dem flachen Lande. In der Schweiz existieren
Klöster der tibetanischen Spielform des Buddhismus. Dort wohnt seit
der Annexion seines Landes auch der Dalai Lama, das Oberhaupt seiner Gemeinschaft.
Was macht die Aussagen Buddhas für Europäer
anziehend?
Zunächst eine Gegenüberstellung christlicher (katholischer)
und buddhistischer Lehr- und Gefühlsinhalte.
| Christentum (Katholizismus u.a.) |
Buddhismus (Urform) |
Monotheistische Ein-Gott-Religion, persönlicher
Gott, Gesetzgeber, nach dem man sich zu richten hat
(Du musst, du sollst nicht) |
Nur Anerkennung von unpersönlichen Gesetzen, nach
denen der Weltlauf sich gestaltet |
Fremde "göttliche" Führung durch
Lohn (Himmel)
und drakonische Strafen (ewige Verdammnis) |
Dharma-Gedanke (Eigenverantwortung aus Vernunft) "Höchststrafe":
Noch einmal zu leben. |
| Gnadenreligion; Denken ist der Gesinnung
untergeordnet; wissenschaftsfeindlich |
Vernunftreligion, sehr viele Philosophieansätze.
Kein Grund zur Gesinnungsprüfung oder Stellungnahme zur Wissenschaft |
Gesetze Gottes sind einzuhalten. Sozialkontrolle durch
Staat (christlich-abendländische Gesellschaft), Nachbarn (Der
ist ein Heide!).
Aus den unerfüllbaren Gesetzen (Liebe deine Feinde, sei vollkommen)
folgt ständige Abhängigkeit. Daraus resultiert Gnadebedürftigkeit
zur Vermeidung von Höllenstrafen. |
Wenige und nicht extern kontrollierte Sittengesetze
(Achtfacher Pfad).
Tugenden und Fehler tragen Lohn und Vergeltung in sich selbst. |
Die Autorität Gottes hat die Autorität des
Priesters zur Folge (Stellvertretertum Gottes auf Erden). Priester
sind Übermittler der Gnade und schaffen
eine persistierende Vater Kind-Beziehung zu Gott. |
Fehlen der Vaterautorität. Es gibt lediglich
Lehrer, die den Weg zur Erleuchtung erklären (ohne sonstige Befugnisse). |
| Veräusserlichung der Religiosität |
Verinnerlichung der Religiosität |
| Einmischung in die Sexualität (Sexualität
nur zur Kinderzeugung). Repressivere Haltung. |
Weitgehend liberale Haltung zur Sexualität. |
| Messias-Erwartungen |
In Schriften über den Buddha der Zukunft
(Maitraya) weist der B. ebenfalls Ähnlichkeit zu den Messias-Erwartungen
monotheistischer Religionen auf. |
| Missionierungseifer, Ketzerverfolgung, Versündigungsideen |
Religiöse Toleranz gegenüber anderen Systemen,
kontemplative Klärung von persönlichen Fehlhaltungen |
| Typische Verkrampfungen des Ego durch Autoritätsfurcht.
Haben statt Sein. |
Unverkrampftheit gegenüber Autoritäten
durch Ruhen in sich selbst und Ablehnung des elitären Kastendenkens.
Sein wichtiger als Haben. |
Physische Gewaltanwendung ist systemimmanent, wenn auch
derzeit nicht durchsetzbar.
Psychische Gewalt durch Androhung von Höllenstrafen. |
Weitgehende Gewaltlosigkeit, keine Höllenvorstellung,
keine Religionskriege etc. |
Früher und heute praktizierte Lehre
Einige Inhalte der Tabelle lassen den Buddhismus natürlich für
Europäer anziehend erscheinen, wobei hier ein gründernaher Buddhismus
betrachtet wird. Vergleicht man die Lehre Jesu (z.B. Bergpredigt und Armutslehre)
mit dem tatsächlich praktizierten Christentum ergeben sich wesentliche
Unterschiede. So auch im Buddhismus. Die buddhistische Religion hat eine
negative Entwicklung von der philosophischen Weltsicht zur religiösen
Veräußerlichung hinter sich. Moderne christliche wie moderne
buddhistische Sekten bringen ein ebenso hohes Maß an Aggressionsbereitschaft
und ebenso wirksame Repressionen gegen ihre Mitglieder auf.
Gewaltlosigkeit
Die europäische Fehleinschätzung Buddhismus sei immer gewaltlos
muß korrigiert werden. Der Buddhismus unserer Zeit hat seine eigenen
wenn auch in Europa weniger bekannten Aggressionsmechanismen. Dies wirkt
sich z.B. in Japan in kämpferischen Orden (Schwertkampf, Bogenschießen,
Kampfsportarten) ebenso aus wie in Sri Lanka, wo Buddhisten durchaus kämpfen,
um die Macht im Staat für sich zu erhalten. Im einzelnen wird darauf
noch eingegangen.
Meditation
Dem streßgeplagten Europäer scheint die meditative Lebensweise
des Buddhismus als ein guter Ausgleich für seine Lebensführung.
Der Zen-Buddhismus ist hierfür wegen seiner religiösen Verträglichkeit
besonders geeignet. Es werden Kurse für Manager angeboten; hierauf
wird im Exkurs über Zen-Buddhismus näher eingegangen.
Gesundheit
Ernährungs-, Hygiene- und Wellnessregeln der buddhistischen Richtungen,
die dem Tantrismus nahe stehen, werden von Europäern ebenfalls gerne
aufgenommen. Ayurvedische Kräutermedizin und aus dem Hinduismus stammende
Yogapraktiken (Sonnengebet des Raja von Aund, Fünf Tibeter und andere)
werden buddhistisch-philosophisch aufbereitet und als Wellnessprodukte
angeboten.
Lebenshilfen
Mit Aufkommen der europäischen Esoterikwelle spielt die Verwendung
von Mandalas, Mantras und anderen mystischen Symbolen eine Rolle. Die
weniger verinnerlichten buddhistischen Richtungen (z.B. Diamantenes Fahrzeug)
sind dem christlich-abendländischen Denken und Empfinden nahe.
Buddhistisch-hinduistische Sekten (Hare-Krishna-Bewegung, Bhagwan-Bewegung)
versprachen und versprechen den Opfern gegen Zahlung Lösung ihrer
Probleme, um deren finanzielle Ressourcen auszubeuten. Auch geistig aktive
Europäer gehen diesen blumigen Heilsversprechungen häufig auf
den Leim. Ein Beispiel dafür ist der ehemalige Chef des Magazins
Stern, der Bhagwan-Jünger wurde und später ernüchtert nach
Europa zurückkehrte.
Die Lehrmeinungen des sehr mystischen und magischen tibetanischen Buddhismus
werden durch Auftritte des Dalai-Lama in den Medien empfohlen und natürlich
durch ihre Klöster und religiösen Einrichtungen, vorwiegend
in der Schweiz.
Ich persönlich habe mit dem Buddhismus die angenehmen Erfahrungen
des Aussenstehenden gemacht. Ein buddhistischer Abt, der gleichzeitiger
Universitätslehrer für Sanskrit und Pali ist, hat mich in seine
Schlafzelle mitgenommen und seine Betelblätter (stark berauschende
Wirkung) standen sogar meinem Fahrer zur Verfügung (nebenbei: das
Zeug ist so scharf, daß tagelang sämtliche Geschmacksnerven
ausfallen). Ein vergleichsweises Verhalten wäre die Einladung eines
christlichen Abtes an einen fremden Andersgläubigen, zu einer Flasche
Wein und zur Diskussion von Glaubensinhalten. In Europa undenkbar!
Ein anderes positives Beispiel war ein junger Mönch, ca. 12 Jahre
alt, der anlässlich der Unterhaltung mit seinem Abt zum "Service"
bereitstand. Ich sah den Jungen an und überlegte mir, welches Leben
er wohl zu führen habe. Der Gedanke berührte mich stark und
ich legte dem Jungen die Hände auf den Kopf und sprach den mosaischen
Segen über ihn aus "Der Herr segne Dich und behüte Dich,
er lasse sein Angesicht über Dir leuchten und sei Dir gnädig
..." Europäische Äbte würden auf das Segnen ihrer
Mönche durch Andersgläubige wohl eher abweisend reagieren. Dieser
junge Mönch bedankte sich durch tiefe Verneigung und sein Abt zeigte
sich so bewegt, daß er mir eine alte Buddha-Statue zum Geschenk
überreichte.
Solche Formen von Toleranz sind im Christentum schwer vorstellbar und
deswegen auch für den Europäer sehr anziehend.
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